Suedafrikanisches Wasser
Vom 20.8. bis zum 26.8. 06 war World Water Week. Mit letzter Woche war ich zwar ein bisschen spaet dran, aber ich habe die Wasser-Woche nachtraeglich noch “gefeiert”, und zwar auf zwei verschiedene Arten.
Die erste sah folgendermassen aus: Ihr wisst ja, wie das ist. Wenn man jongliert, waehrend Freunde ins Zimmer kommen, will man ihnen manchmal zeigen, was man alles kann. Aus Jonglierbaellen werden Fruechte und aus Fruechten werden 5-Liter-Wasserkanister.Ab und zu passiert es dann auch, dass aus diesen Kanistern ganz viel Arbeit wird, zumeist dann, wenn sie aufplatzen, waehrend sie mit dem Fussboden kollidieren. Aber unser Zimmer musste ohnehin mal wieder geputzt werden. Gelegenheit macht Reinigungskraefte.Die zweite Art verrate ich noch nicht, das wird ein chronologischer Bericht.
Nach einem mittaeglichen Besuch von Sunnyboy, dem es gut geht und der mit seiner neuen Arbeitsstelle sehr zufrieden ist, machte ich mit den Learners von gegenueber einen ausgedehnten Spaziergang durch Inchanga. Wir liessen uns vor einem Laden nieder, der sich aeusserlich in keinster Weise von den anderen Haeusern unterscheidet, jedoch von einer grossen Zahl an Menschen belagert wurde. Durch eine Tatsache wurde mir bewusst, dass Wochenende war: Alle waren betrunken. An Wochenenden ist es vielleicht auch keine so gute Idee, alleine herumzulaufen, da der Grossteil der Ortsansaessigen alkoholisiert herumlaeuft. Manche agieren unter Alkoholeinfluss sehr freundlich und offen, andere dagegen werden gereizt oder launisch und pinkeln einem eiskalt auf die Schuhe. Aber wem erzaehle ich das, in Deutschland ist es ja nicht anders.
Nachdem wir unsere Pause beendet hatten, mussten wir uns eigentlich sputen, da bei Dunkelheit viele “Tsotsis” unterwegs sind, eine suedafrikanische Bezeichnung fuer Gangster/Kriminelle. Leider liess sich eine Erhoehung der Laufgeschwindigkeit doch nicht realisieren, da die Jungs, mit denen ich unterwegs war, an jeder Ecke anhielten, um mit Frauen zu reden. Mehrmals geschah es, dass einer von diesen meinen drei Begleitern nach einer zehnminuetigenUnterhaltung hinterhergelaufen kam, um auf meine Frage, was er denn mit der Dame besprochen habe, zu antworten: “I have a new girlfriend now. I love her and I can visit her tomorrow at six o’clock.”
Als wir dann wieder auf dem Gelaende des Training Centres angelangt waren, verbrachten wir den Rest des Abend nach gemeinsamem Essen mit Erzaehlungen und Diskussionen. Ich erzaehlte vieles ueber Deutschland und war am Ende auch um einiges schlauer, was mein Einsatzland betrifft. Auch musste ich erfahren, dass es tatsaechlich so etwas wie “gefaehrliches Halbwissen” gibt. Mitten in einer politischen Diskussion ueber Deutschland und Afrika meinte Mmcjezi: “You know, I love the Adolf Hitler.” Zuerst war ich schon ein wenig verdutzt, konnte ihm dann aber schnell begreiflich machen, dass er Hitler wahrscheinlich noch so liebgehabt haben koennte, wenn er sich zu dessen Zeit in Deutschland aufgehalten haette. Er erzaehlte mir, dass er in der Schule gelernt hatte, dass alle Deutschen Hitler als Helden verehren, da er sich gegen westliche Grossmaechte zur Wehr gesetzt hatte. Was allerdings nicht auf dem Lehrplan stand, war die Art und Weise, in der er es tat. Nach meiner kleinen weltgeschichtlichen Aufklaerung war er dann ein wenig verwirrt, so wie ich, als ich erfahren habe, dass es den Osterhasen doch nicht gibt.
Die restlichen Gespraeche zogen sich dann dermassen in die Laenge, dass es langsam ungemuetlich wurde, draussen zu sitzen. Ich machte klar, dass ich bei ihnen drueben schlafen konnte, und wir setzten die Talk-Runde gemuetlich im Liegen fort. In einer Pause, als jeder seinen Gedanken nachhing, wurden wir dann noch Opfer einer naechtlichen Gecko-Invasion. Nach ueberstandener Jagd bekam ich dann noch ein paar lebenswichtige Tipps mit auf meinen Weg.Cebo klaerte mich darueber auf, dass ich mich vor siebenkoepfigen Schlangen hueten sollte, wenn mir mein Leben lieb ist. Was denn so schlimm an diesen Reptilien ist, wusste er jetzt auch nicht genau, er wusste nur eines, das aber auf jeden Fall: Schaute man dieser Schlange in ihre vierzehn Augen, erstarrte man sofort zu Eis. Ich weiss jetzt Bescheid und werde auf der Hut sein.
Am naechsten Morgen wollte ich mit Cebo eigentlich auf Unwabu-Jagd (Zulu fuer Chamaeleon) gehen, aber die zweite Art, die World Water Week zu zelebrieren, machte uns einen See durch die Rechnung. Der grosse Unbekannte hatte waehrend der Nacht widerrechtlich irgendein Dichtungsteil vom Wasserhahn des Learner-Haus-Badezimmers entwendet wonach er sich unerkannt vom Tatort (zu diesem Zeitpunkt noch trocken) entfernte. Ueber die Nacht sah das unvollstaendige Rohr keinen Grund, das durch es hindurchfliessende Wasser zurueckzuhalten, es war ihm auch nicht moeglich. So verwandelte sich der gesamte Hauskomplex innerhalb naechtlicher Stunden in ein Badeparadies. Am Morgen war dann wirklich sehr viel Wasser im Haus, die Spuren an der Wand verraten mir noch nachtraeglich, dass die Wassertiefe ca. 40 cm betrug. Um 6:30 Uhr wurde ich dann wach, wahrscheinlich von Moewengeschrei und Schiffshorn. Mein erster Gedanke war: “Regen! Ob wohl auch mein eigenes Zimmer drueben unter Wasser steht?”. Mein allererster Gedanke war: “Ich bin hungrig, ich will ein Brot.”, aber das tut nichts zur Sache. Nachdem ich alle anderen aus den Federn geholt hatte (man verzeihe mir mein Experiment; die Durchschnittszeit eines maennlichen Suedafrikaners, um zu bemerken, dass seine Hand im Wasser haengt, betraegt 4,87 Sekunden), machten wir uns mit vereinten Kraeften, Besen und Mops daran, der Lage Herr zu werden. Wir sind in diesem Fall ich und alle weiblichen Learners, die maennlichen zogen es vor, wieder ins Bett zu gehen, als sie sahen, dass die Frauen das schon hinkriegen wuerden. Da half kein noch so missbilligender Blick meinerseits, geschweige denn rein versehentlich erzeugte Wasserfontaenen im Schlafgemach der Jungs, ich blieb nach wie vor der einzige helfende Vertreter meines Geschlechts. Nach zwei Stunden war das Haus wieder einigermassen begehbar und ich konnte endlich mein Brot essen.
Am Montag ging die Schule wieder los, beziehungsweise aber doch nicht. Es ist Tradition, dass der Grossteil der Schueler erst im Laufe der ersten Woche nach Ferienbeginn eintrudelt, aber dafuer gehen viele auch schon frueher in die Ferien. Am ersten Schultag waren vielleicht 10 Kinder da, in dieser Hinsicht war also nicht sehr viel zu tun fuer uns. Am Dienstag wurde es dann schon actionreicher. Es waren zwar noch immer fast keine Kinder da, aber der gesamte Lehrkoerper der Schule wurde zu einem Seminar von InterFace eingeladen, abgehalten in der Hall, also dem groessten Saal der Schule, in dem die Schueler auch ihr Essen serviert bekommen. InterFace ist eine Organisation, die sich auf AAC spezialisiert hat, ihr Ziel ist es, allen Kindern Zugang zu Kommunikation zu verschaffen, ganz gleich welche Behinderungen sie auch aufweisen sollten. Das ihnen dies bestens gelingt, wurde anhand eines lebenden Beispiels belegt. Auf der Buehne wurde uns Daniel praesentiert, ein ehemaliger Schueler der Ethembeni School, der kurz nach seiner Geburt aus dem Bett auf sein Gesicht gefallen ist und seit diesem Zeitpunkt extrem redeschwach war und seine Muskeln nicht so steuern konnte, wie er es gerne wollte. Daniel hatte eine Rede fuer uns vorbereitet, da es ihm allerdings verwehrt ist, zu sprechen, hat er innerhalb von zwei Wochen mit seinem Spezial-Laptop und Klick-Buttons an den Seiten seines Rollstuhls, die er mit den Knien bedienen kann, eine Rede verfasst. Eine Computerstimme machte seine Worte dann fuer uns hoerbar. Daniel erzaehlte seine Lebensgeschichte, wie er als Kind fast aufgegeben worden waere, aber mit Hilfe von InterFace und ihrer Technik endlich ein Sprachrohr gefunden hat. Er kann voellig normal denken, aber sich eben ueberhaupt nicht verbal und durch Bewegungen nur sehr grob aeussern. Mittlerweile arbeitet er sogar an einer Universitaet mit anderen Studenten zusammen und kaempft dafuer, dass Sprachbehinderten bestmoeglich geholfen wird. Die Rede war sehr ergreifend, auch wenn der Computer sie voellig emotionslos vorgetragen hatte.Ausser Daniel fanden noch drei andere Referenten den Weg auf die Buehne, das Programm wurde heute fortgesetzt, fuer morgen ist ein weiterer Vortrag eines Behinderten geplant. Ich bin gespannt.
Ich glaube, das wars mal wieder.
Stay tuned
jubatus said,
October 5, 2006 at 7:38 pm
Hey DaViD
hab mich über Dein Comment gefreut und werde weiterhin schöne Fotos (auch für Dich mein Kleiner!) machen.
Eben musste ich jedoch feststellen -Horror- dass Du mich noch nicht auf Deiner Seite verlinkt hast….!
Alla David, hau rein, Jens
jubatus said,
October 5, 2006 at 7:39 pm
ach ja, ich finds schön, dass Du soviel Zeit findest Dein Blog aufm Laufenden zu halten!
Is echt interesssnat!!!
davidbruchmann said,
October 7, 2006 at 2:14 pm
SCHEISSE sorry. Wird nachgeholt. Sofort.
lennartlietz said,
October 9, 2006 at 12:33 am
jau david!
hast du nichts anderes zu tun als fuer deinen blog zu schreiben? nein richtig cool und sehr interessant!
habe mich sehr ueber das bild gefreut, das du fuer mich gemacht hast vilen dank ich weiss das zu schaetzen habe auch mal an unserem bild weitergemalt vergess das nicht beim nachtreffen ist das dran (Langzeitprojekt) also lass dich nicht anquatschen und pass auf afrika soll ja gefaerlich sein!
bis denne
lenssen und partner!